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Kaninchen, Meerschwein, Hamster & Co - Haustiere 2. Klasse?

Aktualisiert: 19. Juli 2023

Ein Geschenk zu Geburtstag, Ostern oder Weihnachten, ein Tier für die Kinder - Heimtiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Mäuse und Hamster sind schnell angeschafft.


So kann man sie doch ganz unkompliziert schon ab 10€ im Zooladen oder auf Ebay kaufen. Gleich dazu gibt's den kleinen Käfig und das billige Trockenfutter. Über adäquate Haltungsbedingungen, Fütterung und Pflege informieren sich nur wenige Besitzer vorher ausführlich. Wie teuer und aufwendig solche Tiere werden können, wenn sie einmal krank sind, das ist den Wenigsten bewusst.


Hier Bilder glücklicher Ratten unserer Tierärztin Charlotte Hiller:


Die Folge: viel zu häufig werden Heimtiere vernachlässigt und sehen nie oder erst viel zu spät den Tierarzt. Und wenn sie doch einmal bei uns landen, dann soll es doch bitte möglichst günstig sein oder direkt die Euthanasie. Höhere Tierarztkosten können oder wollen viele Besitzer nicht tragen, selbst Röntgen oder Ultraschall sind oft schon zu teuer, geschweige denn größere Operationen.

Als Resultat von Unwissenheit oder auch Ignoranz müssen viele Heimtiere lange leiden und sich quälen, ohne eine passende Behandlung zu erhalten. Viele der Tiere sind zur Euthanasie in katastrophalem Zustand und häufig schon ein Fall für den Tierschutz.


Heute hatte ich einen besonders schlimmen Fall


ACHTUNG TRIGGERWARNUNG! ES FOLGEN BILDER VERNACHLÄSSIGTER TIERE!


Die weibliche Ratte Sabine, mit 3 Jahren schon sehr alt, bis auf die Knochen abgemagert, 2 riesige Tumore am Bauch, schlaffe Lähmung der Hinterbeine und offene Liegestellen an den Gelenken, kippte permanent zur Seite weg, hatte

dicke Krusten in den Ohren, Grind an der Nase und einen katastrophalen Pflegezustand. Ihr Fell war struppig und sie war voller Urin.

Die Bringerin war nicht die Besitzerin, sondern nur eine aufmerksame Freundin, die die Ratte während der Urlaubs betreut hatte. Sie war schockiert über den Zustand und weigerte sich, Sabine wieder an die Besitzer zurück zu geben und kam schließlich mit ihr zur Euthanasie in unsere Praxis.


Die Besitzer hatten sich zuvor geweigert, sie einschläfern zu lassen, denn sie hätte ja noch gefressen. Alle anderen Ratten im Rudel seien auch bereits "von alleine gestorben".


Bilder von der vernachlässigten Ratte Sabine nach der Euthanasie:


Die meisten Heimtiere sterben nicht allein


Mal abgesehen davon, dass es für Rudeltiere wie Ratten nicht artgerecht ist, ihre letzten Tage alleine zu verbringen, kann und darf kein Besitzer

zusehen, wie sich sein Tier zu Tode quält. Als Flucht- und Beutetiere stellen Kaninchen und Nagetiere ihre Nahrungsaufnahme erst ganz zum Schluss ein, fressen sich förmlich noch in den Tod. Und nur die allerwenigsten Heimtiere schlafen einfach so friedlich im Schlaf ein. Die meisten Tiere, die "von selbst" sterben, haben vermutlich Tage, Wochen oder Monate lang schwer gelitten, so wie im Fall von Sabine.


In der Tiermedizin haben wir zum Glück die Möglichkeit, solche Leiden frühzeitig zu beenden. Auch das Tierschutzgesetz besagt, dass unnötige Leiden vermieden werden müssen. Also ist es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht eines jeden Besitzers, rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und

sein Tier im Zweifel erlösen zu lassen. Wenn man sich diese Kosten nicht leisten kann oder will, dann darf man sich eben einfach kein Tier anschaffen.

Punkt, aus, fertig, keine Diskussion.


Natürlich ist es bei einem hohen Alter des Tieres, schweren Vorerkrankungen oder einer schlechten Prognose auch durchaus legitim, eine palliative Behandlung durchzuführen und beispielsweise Tumore nicht zu operieren. Dies darf aber natürlich nur mit einer entsprechenden Pflege und adäquaten Schmerzbehandlung geschehen und nicht wie bei Sabine, die ihrem Schicksal überlassen wurde.


Hugo van Duin: "Besser eine Woche zu früh, als eine Stunde zu spät!"


Einen guten Besitzer macht es nicht aus, dass sein Tier möglichst lange lebt, sondern dass es mit einer guten Lebensqualität lebt.

Und es gehört eben auch zu einem gutem Besitzer, sein Tier im Zweifel abzugeben oder zu erlösen.

Denn gerade im Falle einer Euthanasie gilt - um den Kollegen Hugo van Duin zu zitieren: "Besser eine Woche zu früh als eine Stunde zu spät!"

Solche Fälle wie heute machen uns alle sehr traurig und betroffen und werfen viele Fragen nach dem Warum auf.


Aufmerksame Menschen, verantwortungsvolle Tierbesitzer


Zum Glück gibt es noch so aufmerksame und liebe Personen wie die Frau, die Sabine heute gerettet hat, indem sie ihr Leid beenden ließ und sie anschließend sogar bei sich im Garten begraben hat.


Natürlich kommen solche Fälle von Vernachlässigung, Zahlungsunfähigkeit und Ignoranz auch oft genug bei Hund und Katze vor. Aber bei Kaninchen und Nagetieren begegnen uns solche Fälle auffällig häufig und besonders schwer.

Um so mehr freuen wir uns über jeden Tierbesitzer, dem auch die kleinsten Tiere großes Geld wert sind, um sie medizinisch bestens versorgen zu lassen.


Dies ist ein Gastbeitrag unserer Tierärztin: Charlotte Hiller


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3 Comments


Liebe Tierärztin,

ich danke Ihnen für diesen Beitrag. Ich werde Ihn allen Personen schicken, die zu faul oder egoistisch sind, ihre Tiere korrekt zu pflegen.


Als Mädchen hatte ich mit meiner Einzelratte (damals war man noch der Meinung, das sei ok 😔) auch zu lange gewartet, bis ich sie erlösen liess. Aus Unwissenheit - mir war nicht klar, dass mein Tierchen litt.


Ich werfe mir das heute noch vor.


Ich versuche, um Vergebung zu bitten, indem ich meinen Tierchen nun so gut wie möglich schaue und alle Entscheidungen in ihrem Sinne treffe - inklusive die, das Tier zu euthanasieren, sobald die Schmerzmittel ihm keine Erleichterung mehr bringen und alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Selbst wenn es mir das Herz bricht…


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Jenny Buch
Jenny Buch
Apr 18, 2023

Danke für diesen Beitrag und danke für eure Kraft, Nerven, den Mut und die Ausdauer solche Themen aufzugreifen und anzugehen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwierig das auch bei der lapidaren Rechtslage ist, Tiere die man notversorgt oder ganz gepäppelt hat, wieder an Besitzer zurückzugeben. Kenne das auch aus dem Tierschutzverein und von Pflegestellen. Teilweise wird da Privat bis ans Limit oder gar drüber hinaus auch finanziell viel für die Süßen gegeben. Natürlich geben die kleinen einem unschätzbar viel zurück, aber man selbst ist halt auch nur Mensch und nicht unendlich belastbar.

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Da wundert es mich echt nicht, dass die Selbstmordrate bei Tierärzten so stark erhöht ist im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Wie soll man auch nicht kaputt gehen, wenn man dieses vermeidbare Leid regelmäßig sieht.

Ruhe in Frieden, armes Seelchen

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